Sunday, August 27, 2006

Taras Borodajkewycz

Borodajkewycz und

Ernst Kirchweger

Taras (von) Borodajkewycz (* 1. Oktober 1902 in der Ukraine, † 3. Januar 1984 in Wien), ehemaliges Mitglied der NSDAP, war nach dem Zweiten Weltkrieg Professor an der Hochschule für Welthandel in Wien (heute: Wirtschaftsuniversität Wien).

In der Zwischenkriegszeit gehörte er dem katholisch-nationalen Lager an; diese Richtung versuchte, katholisches mit deutschnationalem Gedankengut zu verbinden, geriet aber bereits Mitte der 1930er Jahre in den Bannkreis der NSDAP.

Er war Mitglied der Studentenverbindung Norica Wien, damals im CV, aus der er aber bereits im Jahr 1945, unmittelbar nach dem Krieg als die entsprechenden Verbindungsgremien wieder tagen konnten, wegen seines NSDAP-Engagements ausgeschlossen wurde. Seine fortbestehenden Sympathien für den Nationalsozialismus waren offensichtlich; in seinen Vorlesungen machte er wiederholt neonazistische und antisemitische Aussagen, mit denen er zum Liebling der damals mehrheitlich rechtsgerichteten Studentenschaft wurde.

Im Jahr 1962 kam es zum ersten Skandal. Heinz Fischer, späterer österreichischer Bundespräsident, griff in einem Zeitschriftenartikel Borodajkewycz wegen seiner fragwürdigen Vorlesungspraxis auf Grundlage von Mitschriften eines Studenten des Professors an. Weil er die Quelle der von ihm geäußerten Anschuldigungen nicht nennen wollte (es handelte sich um den damaligen Studenten und späteren österreichischen Minister Ferdinand Lacina, dessen Studienabschluss durch eine Offenlegung möglicherweise gefährdet gewesen wäre), wurde Fischer in einem von Borodajkewycz angeregten Gerichtsverfahren wegen Ehrenbeleidigung zu einer Geldstrafe verurteilt. Borodajkewycz fühlte sich durch das Gerichtsurteil nun noch mehr in seinen rechtsextremen Ansichten bestätigt und ließ seine Einstellung in Vorlesungen verstärkt durchblicken.

Im März 1965 fand eine Demonstration von Organisationen von Studierenden, ehemaligen Widerstandskämpfern und -kämpferinnen sowie der Gewerkschaften gegen Borodajkewycz statt. Im Verlaufe der Demonstration kam es zu einem Zusammenstoß mit einer vom Ring Freiheitlicher Studenten, der Studentenorganisation der FPÖ, organisierten Gegendemonstration rechter Studenten, bei dem der - nicht beteiligte, sondern nur zusehende - ehemalige Widerstandskämpfer Ernst Kirchweger von einem rechtsextremen Mitglied des „Ringes Freiheitlicher Studenten“ schwer verletzt wurde. Kirchweger erlag seinen Verletzungen wenige Tage nach der Demonstration; er ist das erste politische Todesopfer in der 2. Republik.

Im April 1965 wurde das Ehrenbeleidigungsverfahren gegen Fischer wieder aufgenommen. Auf Grund der Aussage Lacinas (der mittlerweile sein Studium abgeschlossen hatte), wurde das Urteil gegen Fischer aufgehoben; Borodajkewicz' Berufung dagegen wurde abgewiesen.

Schließlich wurde Borodajkewycz - nach langem Widerstand des zuständigen Unterrichtsministers Theodor Piffl-Percevic - bei vollen Bezügen zwangsweise pensioniert. In den folgenden Jahren veröffentlichte er noch einige Texte, z.B. in den Eckartschriften.

Bemerkenswert in Bezug auf Taras Borodajkewycz ist, dass sowohl der Vorname „Taras“ als auch der Nachname „Borodajkewycz“ ukrainischen Ursprungs sind, woran sich die deutschnationalen Kreise allerdings niemals gestoßen haben.

http://de.wikipedia.org/

Der "Fall Borodajkewycz" erschütterte vor 40 Jahren Österreich 1

Utl.: Ernst Kirchweger von Rechtsradikalen Gegendemonstranten
erschlagen - Erstes politisches Todesopfer der Zweiten Republik =

Wien (APA) - Der "Fall Borodajkewycz" erschütterte vor 40 Jahren Österreich. Am 31. März 1965 wurde der 67jährige ehemalige KZ-Häftling Ernst Kirchweger - der an einer Demonstration gegen den an der damaligen Hochschule für Welthandel (der heutigen Wirtschaftsuniversität Wien) lehrenden Sozial- und Wirtschaftshistoriker Taras Borodajkewycz teilgenommen hatte - von einem rechtsradikalen Gegendemonstranten so schwer verletzt, dass er zwei Tage später an den Folgen der Attacke verstarb. Damit hatten die Auseinandersetzungen um Borodajkewycz das erste politische Todesopfer der Zweiten Republik gefordert.

Borodajkewycz hatte schon zuvor durch antisemitische Äußerungen und sein Bekenntnis zu seiner nationalsozialistischen Vergangenheit heftige Kontroversen ausgelöst. Die Affäre hatte 1962 ihren Anfang genommen. Der damals 24 Jahre alte Student und heutige Bundespräsident Heinz Fischer veröffentlichte im SPÖ-Organ "Zukunft" und in der Arbeiter-Zeitung Artikel gegen den Rechtsradikalismus an den österreichischen Hochschulen. Speziell kritisierte Fischer die Vorlesungen von Borodajkewycz. Der Hochschulprofessor klagte und Fischer wurde 1963 in erster Instanz verurteilt. Denn Fischer hatte sich geweigert, die Grundlagen seiner Artikel - Vorlesungsmitschriften eines jungen Wirtschaftsstudenten namens Ferdinand Lacina, dem späteren SP-Finanzminister - offenzulegen. Er wollte Lacinas Identität nicht lüften, da dieser sein Studium noch nicht abgeschlossen hatte.

Wenige Monate nach diesem Prozess wurde der Fall Borodajkewycz akut. Auslöser war ein Artikel des Hochschullehrers in der deutschen Wochenzeitung "Das Parlament" unter dem Titel "Gedanken zum 1. September 1939 und seine Folgen". In dem Aufsatz hieß es unter anderem: "Es ist nur ein Teil der gesamtdeutschen Katastrophe, dass wir deutschen Österreicher zum zweiten Mal innerhalb einer Generation das größere Vaterland verloren haben." SPÖ-Abgeordnete wollten daraufhin vom damaligen Unterrichtsminister Theodor Piffl-Percevic (ÖVP) in einer parlamentarischen Anfrage wissen, ob er bereit sei, gegen Borodajkewycz ein Disziplinarverfahren einzuleiten.

Auf Grund dieser Ereignisse gab Borodajkewycz am 23. März eine Pressekonferenz an der Hochschule für Welthandel, die das Fernsehen ausschnittsweise ausstrahlte. Dabei bezeichnete der Professor die österreichische Nation als "Geflunker" und bekannte sich offen zu seiner NS-Vergangenheit: "Ich habe niemals meine Mitgliedschaft bei der NSDAP verleugnet, ich bin auch freiwillig beigetreten, zum Unterschied von manchen Zeitgenossen, die dann behaupteten, sie sind gezwungen worden. Ich bin freiwillig beigetreten. Ich müsste mich ja schämen, wenn ich mich nicht zu der Vergangenheit bekenne", sagte Borodajkewycz unter anderem. Die Pressekonferenz löste einen Proteststurm aus.

(Forts.) cm/ws
APA0046 2005-03-25/08:00


Der "Fall Borodajkewycz" 2 - Strafweise in den Ruhestand

Utl.: Fischer erreicht in Berufung Freispruch - Borodajkewycz 1984 im
82. Lebensjahr verstorben

Am 31. März 1965 erklärte der zuständige Unterrichtsminister Theodor Piffl-Percevic in einer parlamentarischen Fragestunde, dass er nicht bereit sei, den Historiker vom Dienst als Hochschullehrer zu suspendieren. An diesem Tag nahmen tausende Menschen an einer von der "Österreichischen Widerstandsbewegung" organisierten Demonstration gegen Taras Borodajkewycz und für dessen Suspendierung teil. Es kam zu Zusammenstößen zwischen Demonstranten der Widerstandsbewegung und Anhängern des Uni-Lehrers. Dabei wurde Ernst Kirchweger durch einen Faustschlag von Günther Kümel schwer verletzt. Der ehemalige KZ-Häftling erlag zwei Tage später seinen Kopfverletzungen, ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben. Kümel, der bereits wegen verschiedenen Attentaten straffällig geworden war, wurde im Oktober 1965 zu zehn Monaten Arrest verurteilt.

Im April 1965 erreichte Heinz Fischer die Wiederaufnahme seines Verfahrens. Ferdinand Lacina hatte in der Zwischenzeit sein Studium abgeschlossen und konnte als Zeuge und Verfasser der Vorlesungsmitschriften für Fischer aussagen. Das Verfahren endete mit Fischers Freispruch im Juni 1965. Borodajkewycz meldete ein Monat später gegen das Urteil Berufung an. Im Endurteil des Wiener Landesgerichts für Strafsachen vom 30. November 1965 wurde der Freispruch Fischers bestätigt und die Berufung zurückgewiesen.

Borodajkewycz selbst stellte im März 1965 an der Hochschule für Welthandel den Antrag, gegen ihn ein Disziplinarverfahren einzuleiten. Im Mai 1966 wurde er durch einen Entscheid des Disziplinarsenats der Hochschule für Welthandel strafweise in den Ruhestand versetzt.

Taras Borodajkewycz wurde 1902 in der Ukraine geboren und wuchs in Baden bei Wien auf. 1934 trat er der damals noch illegalen NSDAP bei. Er habilitierte sich 1937 und wurde 1942 Professor in Prag. Während des Zweiten Weltkriegs war er Mitarbeiter des SS-Nachrichtendienstes. 1955 wurde der Historiker außerordentlicher Professor an der Hochschule für Welthandel in Wien. Er verstarb im Jänner 1984 im 82. Lebensjahr.

(Schluss) cm/ws
APA0047 2005-03-25/08:00
Präsidentschaftskanzlei

http://www.hofburg.at/

Ernst Kirchweger (* 12. Jänner 1898, in Wien; † 3. April 1965 in Wien) war das erste politische Todesopfer in Österreich nach 1945.

Von 1916 bis 1918 nahm Ernst Kirchweger als Matrose am ersten Weltkrieg teil. Danach kämpfte er auf Seiten der Roten Armee. Er war bis 1934 Mitglied der Sozialdemokratischen Partei und schloss sich dann der zu diesem Zeitpunkt verbotenen KPÖ an. Ernst Kirchweger engagierte sich während Austrofaschismus und Nationalsozialismus unter Einsatz seines Lebens in den illegalen freien Gewerkschaften. Nach der Befreiung Österreichs 1945 kämpfte Ernst Kirchweger, der einen KZ-Aufenthalt überlebt hatte, weiter als bedeutender und unermüdlicher Antifaschist.

Am 31. März 1965 fand eine Demonstration von Organisationen von Studenten, ehemaligen Widerstandskämpfern und -kämpferinnen sowie Gewerkschaften gegen den antisemitischen Universitätsprofessor Taras Borodajkewycz statt, an der sich auch Ernst Kirchweger beteiligte. Vom Ring Freiheitlicher Studenten, der Studentenorganisation der Freiheitlichen Partei Österreichs, wurde eine Gegenkundgebung veranstaltet. Die Teilnehmer beider Demonstrationen gerieten aneinander. Ernst Kirchweger wurde vom Rechtsextremisten und Mitglied des „Rings Freiheitlicher Studenten“ Günther Kümel attackiert und schwer verletzt. Drei Tage später erlag er seinen Verletzungen. Kümel wurde danach zu zehn Monaten Haft verurteilt.

An Kirchwegers Staatsbegräbnis beteiligten sich 25.000 Menschen, es wurde damit zu einer antifaschistischen Manifestation. An der Einstellung des offiziellen Österreich gegenüber ehemaligen Nationalsozialisten änderte sich aber trotz dieser Geste - immerhin war beim Begräbnis die Spitze der damaligen Bundesregierung anwesend - lange Zeit nichts. Erst Anfang der 1990er gestand Bundeskanzler Vranitzky eine österreichische Mitschuld am Holocaust ein.

1990 wurde die Wielandschule in Wien-Favoriten von linken Aktivisten besetzt und ihm zu Ehren in Ernst-Kirchweger-Haus umbenannt.